Nachdem „Wohnsinn e.V.“ uns einen öffentlichen Brief zukommen ließ, in dem sie uns zum Auszug auffordern und uns anderweitig mit „dem Rechtsstaat“ drohen, verschickten sie nun einen etwas anderen Brief an zahlreiche linke Projekte.
Wir wollen hier auf beide Briefe eingehen, weiter unten auf der Seite sind beide Briefe eingestellt.

In dem zweiten an linke Projekte verschickten Brief verkündet Wohnsinn sein Vorhaben, den Infoladen aus dem Hausprojekt auszuschließen. In dem uns zugestellten öffentlichen Brief kündigen sie an, vom „Rechtsstaat“ Gebrauch zu machen. Dies begründen sie mit einer Reihe von Vorwürfen und Anschuldigungen, auf die wir im Folgenden eingehen möchten.

„Der Infoladen hat seit dem Einzug 2009 keine Direktkredite eingebracht“

Wir haben einen Direktkredit über 3000€ eingebracht, den wir trotz aller Querelen nicht rausgezogen haben.

„Seit einem Jahr kommt der Infoladen nicht mehr in die Plenen des Hausprojektes“

Unsere fehlende Plenums/AG Mitarbeit hat eine Geschichte. Etwa die Hälfte des ursprünglichen Projekts „Wohnsinn e.V.“ verließ erst das Plenum und später das gesamte Projekt wegen unmöglicher Kommunikationsformen einzelner Personen (persönlichen Beleidigungen, an/niederschreien von anderen, ständiges Unterbrechen von Wortbeiträgen). Wir machten eine Änderung des Kommunikationsverhaltens und der Entscheidungsfindungsprozesse zur Bedingung unserer weiteren Teilnahme am Plenum, nachdem auch uns ein polemisches, provokatives und verletzendes Kommunikationsverhalten entgegen schlug. Eine Bereitschaft dazu war aber von Seiten „Wohnsinns“ nicht erkennbar. Ein Versuch unsererseits, andere Formen der Kommunikation zu finden, scheiterte an dem Unwillen des Wohnsinn-Plenums. Wir hatten vorgeschlagen, uns mit einigen wenigen Menschen, mit denen wir uns gemeinsame und solidarische Gespräche vorstellen können, regelmäßig zu treffen, um so einen gemeinsamen Prozess sicherzustellen. Wir wurden auf das Plenum verwiesen. Dieses Angebot erneuerten wir nach dem ersten offenen Brief in einem Schreiben, in dem wir auch Lösungsangebote für andere angesprochene Probleme verschlugen. Hierauf erhielten wir keinerlei Reaktion.

In der Folge wurde uns die Nutzung von Café, Küche und Dachterrasse des gemeinsamen Wohnsinnprojekts verboten. Eine Hausordnung, die nur für Besucher_innen des Infoladens gelten solle, wurde uns zugestellt. Kleinere Provokationen zierten zudem das Treppenhaus in Form einer „chinesischen Wandzeitung“. Kurz: Wohnsinn hat es uns hier, wie schon anderen vorher, ziemlich unerträglich gemacht.

„Daher haben wir persönliche Bürgschaften in einer max. Höhe von 3.000 € für einen begrenzten Zeitraum gegeben.“

„[Der Infoladen hat die] ausgelaufenen einjährigen Bürgschaften nicht erneuert“

Dies ist schlicht unwahr. In der als Anlage beigefügten Bürgschaftserklärung der GLS Bank ist unter Punkt 3 zu lesen: „Meine Bürgschaft ist zeitlich nicht begrenzt“.
Allerdings hat der Wohnsinn am 6.10.2010 einzelnen Bürg_innen mitgeteilt, dass ihre Bürgschaft abgelöst wurde. Das entsprechende Schreiben ist ebenfalls beigelegt. Das Ablösen von Bürgschaften in eine Nichtverlängerung umzudeuten, erscheint uns gewagt. Zumal das Schreiben nicht darauf hinweist, das eine weitere Bürgschaft gewünscht ist.

„Auch lehnt er [der Infoladen] die Mieterhöhung ab“

Die Situation gipfelte in einem Schreiben das unseren Auszug forderte und dem eine Mieterhöhung um 20% beilag. Die Miete und alle anderen Kosten decken wir durch Spenden. Die Mieterhöhung zu diesem Zeitpunkt erschien uns als Druckmittel um uns zum Auszug zu bewegen und wir lehnten sie daher ab.

„Warum ist die Selbsthilfe so wichtig?“
„Klar ist natürlich, wenn welche nicht mitarbeiten, müssen die anderen um so mehr arbeiten.“
„Ihr bringt keine Kultur für kollektive, emanzipatorische Prozesse ein“.

Der Infoladen hat im Sommer 2009 nach langer Renovierung in Selbsthilfe und auf eigene Kosten die Räume in einem Haus von Wohnsinn bezogen. Seitdem bietet er politischen und kulturellen Gruppen die zu den Themenfeldern Antirepression, Antifaschismus, Tierrecht, Antisexismus/Feminismus arbeiten Infrastruktur, stellt Platz für Veranstaltungen zur Verfügung und hat zudem eine Siebdruckwerkstatt und eine Bibliothek eingerichtet. Im Laufe der Zeit haben wir etliche Veranstaltungen zu verschiedensten Themen durchgeführt, zu Antirassismus, Antifaschismus, Feminismus und Antirepression. Jeden Freitag findet bei uns eine VoKü statt. Wir verstehen uns als offenen, politischen, emanzipatorischen Zusammenschluss. Unsere Entscheidungen treffen wir gemeinsam auf einem Nutzer_innenplenum im Konsensprinzip.
Im Übrigen: Auch wenn wir uns nicht am Plenum von Wohnsinn beteiligen, haben wir uns an den Arbeiten im Haus sehr wohl beteiligt bis zu dem Zeitpunkt wo die Zusammenarbeit für uns untragbar wurde. Daneben sehen wir unseren Beitrag zum Projekt „Wohnsinn“ darin, dass wir in den Infoladen einen erheblichen Teil an Arbeit gesteckt haben und weiterhin stecken, dass wir als Einzige im Projekt öffentlich zugängliche Räume mit Außenwirkung schaffen. Diese Arbeit – und es ist viel Arbeit – wurde nie von Wohnsinn anerkannt. In dem Sinne ist es wirklich absurd, wenn Wohnsinn davon spricht, dass wir Räume „privatisieren“.

„Wenn ihr nicht freiwillig gehen wollt, dannn werden wir in das bürgerliche Rechtsverhältnis mit euch treten und der Rechtsstaat regelt damit unseren Umgang und die Möglichkeiten einer Trennung.“

Die Vorwürfe in dem offenen Brief von Wohnsinn, Arroganz, Ignoranz, „Ausbeutung anderer Menschen“ nehmen wir ebenso gelassen hin wie wir diese bisher hingenommen haben. Es gibt soviel auf dieser Welt, wogegen es sich zu kämpfen lohnt, die Auseinandersetzung mit dogmatischen (linken?) Gruppierungen hielten wir noch nie für erfolgversprechend. Dass wir von der Seite, die uns nun mit dem „Rechtsstaat“ droht, das heißt im Klartext, mit der Räumung, zugeschrieben bekommen, uns nicht mit der „eigenen Verstricktheit in Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen“ auseinanderzusetzen, reicht maximal für ein müdes Lächeln. Es sagt – so denken wir – zumindest mehr über die Schreibenden dieses offenen Briefes aus als über die Adressierten.

Schließlich:
Ein Wort hier an Wohnsinn e.V. Solltet ihr einzelne von uns, die im ersten Brief schön namentlich und mit Adresse aufgeführt sind, juristisch angreifen, greift ihr uns alle an. Und zwar politisch. Wir sehen dieses Vorgehen als Angriff auf linke/linksradikale Strukturen. Dann müsst ihr halt die Bullen hier reinrockern lassen, die eure Interessen bestimmt mit Freude umsetzen werden. Wir werden diesen Laden nicht so schnell aufgeben. Weil er wichtig ist, weil er Menschen Raum bietet, weil er von Menschen angenommen wird, weil er Politik Raum bietet, weil hier verschiedenen Kämpfe zusammenkommen. Solidarisch. Weil er ganz viel schon geschafft hat und noch einiges mehr schaffen wird.

Wir fordern die Mitglieder von Wohnsinn e.V. auf, dem Antrag auf Ausschluss des Infoladens nicht zuzustimmen und die Forderung nach unserem Auszug zurückzuziehen.

Infoladen Aachen
April 2011

* Erster Brief

* Zweiter Brief

* Bürgschaftserklärung der GLS Bank

* Wohnsinn zur Bürgschaftsablösung